Als André noch ein Junge war, gaben ihn alle auf: Weder seine Familie noch die Behörden hatten das leicht geistig behinderte Kind in den Griff bekommen. André war aggressiv, seine Wutausbrüche hielten auch Profis nicht aus.
Heime versuchten es mit dem Jungen aus der Gegend bei Köln. Vergeblich. André war 14, als die zuständige Behörde, der Landschaftsverband Rheinland, ihn nach Kirgisien schickte – dort sollte er in einer Pflegefamilie lernen, was ihm in Deutschland niemand beizubringen vermochte. Erlebnispädagogik nennt man das weitläufig.
Weil die Rückmeldungen aus Kirgisien Gutes versprachen, ließen ihn die Beamten dort. Fast vier Jahre lang. Jetzt ist er 17 – und vor zwei Monaten weggelaufen. Seitdem fehlt von André jede Spur.
Der Fall André führt in ein entlegenes Feld der Jugendhilfe, in der Hilflosigkeit herrscht. Es geht um unbequeme Kinder und Jugendliche, die einem ausgebauten Fürsorgesystem in Deutschland seine Grenzen aufzeigen – und das trotzdem funktionieren muss. In diesen Fällen wählen Jugend- und Sozialämter mit den „intensivpädagogischen Maßnahmen“ ein Instrument, das sie selbst, als „das letzte Mittel“ beschreiben.
Weil alle konventionellen Methoden versagen, lassen sich Behörden auf einen unkonventionellen Weg ein, den Kritiker spöttisch „Kuschelpädagogik“ nennen: Ob Segeltörn in der Ostsee, Radtouren durch Deutschland oder Drill-Schule im Box-Camp – Pädagogen haben sich vieles einfallen lassen, um noch einen Zugang zu den Problemkindern zu bekommen.
Am umstrittensten sind die „Auslandsmaßnahmen“: Monatelange Aufenthalte in aller Welt, bei denen die Jugendlichen von ihrem gewohnten Umfeld abgeschirmt und unter permanenter Einzelbetreuung einen Neustart wagen sollen. Mehrere hundert Jugendliche dürften nach Schätzung des Bundesverbandes für Erlebnispädagogik von Kirgisien bis Nicaragua derzeit im Ausland unterwegs sein. Präzise Zahlen gibt es nicht.
Aggressionen im Griff
Der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der kommunale Aufgaben für Städte und Kreise wahrnimmt, vertraute André dem Erzieher Wladimir Ziegler an, einem 45-Jährigen, der in Sibirien geboren ist und seit 2001 in Deutschland mit dem Projekt „Pilger“ Auslandsaufenthalte in Kirgisien anbietet.
Ziegler brachte André bei einer Familie nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek unter. Dort sollte er lernen, sich in einem normalen Alltag zurechtzufinden. Das fremde Land sollte André zwingen, sich mit der Familie auseinander zu setzen, mitzuarbeiten in einem Alltag, der rauer ist als in Deutschland und in dem Strenge und Disziplin herrschen.
Dem Gastvater, psychologisch geschult, und der Mutter, Krankenschwester, war es offenbar gelungen, mit André zu arbeiten. Der Vater, berichtet Ziegler, ging mehrere Monate mit André in die Berge. Dort unternahmen sie lange Touren, und in dieser Abgeschiedenheit schaffte es der Junge, seine Aggressionen in den Griff zu bekommen.
Er fasste nach langer Zeit wieder Vertrauen zu einem Menschen, und der Gastvater konnte ihn dazu bewegen, zur Schule zu gehen. André paukte Deutsch und Mathe, im September hatte er sogar eine Ausbildung zum Tischler angefangen. Und Ziegler schrieb jeden Monat seinen Bericht für die Behörden in Deutschland.
Im Januar blieb dieser Bericht aus. Am 24. des Monats sagte André zu seiner Familie, dass er zum Rauchen vor die Tür gehen würde. Dann war er verschwunden. Über das Motiv für sein Weglaufen rätselt Ziegler.
"Vier Jahre sind normal"
„Dass einer solange verschwindet, ist bei mir noch nicht vorgekommen“, sagt er. Fotos von André hängen selbst im Nationalpark, 40 Kilometer von Bischkek entfernt, wo die schroffe Berglandschaft beginnt. Auf 4000 kirgisischen Flugblättern ist Andrés Gesicht zu sehen. Auch im Fernsehen haben sie sein Foto gezeigt und von dem Deutschen gesprochen, der vermisst wird.
Von einem Jungen, der nicht in der Lage ist, alleine zu leben. Verschollen in einem etwa 5000 Kilometer entfernten Land, das zudem derzeit von politischen Unruhen erschüttert wird.
Mit seinem Verschwinden tauchen Fragen auf – allen voran die eine, warum der Junge vier lange Jahre in Kirgisien blieb. Für Wladimir Ziegler ist das nicht ungewöhnlich. „Das ist normal. Die Arbeit ist auf einen längeren Zeitraum ausgelegt.“
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter sieht das anders. Sie hatte im April vergangenen Jahres eine Empfehlung verabschiedet. Darin heißt es: Die Dauer der Hilfe im Ausland soll „ein Jahr nicht überschreiten, damit die Perspektive des Jugendlichen immer auf die Entwicklungsoptionen im Heimatland bezogen bleibt“.
Der Landschaftsverband Rheinland ignoriert diese Empfehlung.
Doch selbst Befürworter der Erlebnispädagogik erschreckt der lange Zeitraum. „Das ist viel zu lange“, sagt Jörg Ziegenspeck, Leiter des Instituts für Erlebnispädagogik an der Universität Lüneburg. „In dem Alter schickt man Jugendliche noch nicht so lange und so weit weg.“
Allenfalls ein Jahr könnte er sich vorstellen. Auch Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München, ist skeptisch: „Mir ist noch kein Fall vorgekommen, der vier Jahre in einer solchen Maßnahme rechtfertigen würde“, sagt er. „Dem Jungen dürfte es schwer fallen, sich in Deutschland wieder zu integrieren.“ Dies widerspreche dem Ziel solcher Maßnahmen.
Beim Landschaftsverband Rheinland hält man sich mit Auskünften zu dem Fall zurück. „Das Projekt ist in den letzten Jahren sehr erfolgreich gelaufen. Alle Beteiligten waren ziemlich zufrieden mit der Situation“, teilt eine Sprecherin mit. Ansonsten mag man nichts sagen.
Gutgläubigkeit statt Kontrolle
Ob sich in all den Jahren ein Mitarbeiter der Behörde vor Ort ein Bild von der Maßnahme gemacht hat? „Nein“, sagt die Behördensprecherin knapp.
Hier liegt das Hauptproblem mit den erlebnispädagogischen Maßnahmen, die seit Anfang der 90er Jahre um Anerkennung buhlen, aber vielerlei Risiken bergen. Wo Kontrolle nötig wäre, herrscht Gutgläubigkeit. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter und auch die Bundesregierung haben unlängst beklagt, dass immer mehr unseriöse Anbieter auf den Markt drängen: Ein Teil von ihnen lege „offenbar weniger Wert auf die Qualität ihrer Arbeit“, urteilt das Bundesfamilienministerium.
Die Tagessätze für einen Jugendlichen im Ausland liegen zwischen 150 und 200 Euro; für die Betreuung von André zahlte der Landschaftsverband Rheinland monatlich etwa 5400 Euro an die Firma von Wladimir Ziegler.
Weil er neben André derzeit elf weitere Jugendliche in Kirgisien untergebracht hat, dürfte sein Betrieb beträchtliche Einnahmen haben: Unterstellt man den üblichen Tagessatz der Erlebnispädagogik, kommen bei Ziegler Monatseinnahmen von etwa 60.000 Euro zusammen.
Dem stehen vor allem Personalausgaben in Kirgisien gegenüber – wo Zieglers Stellvertreter sowie eine Sekretärin arbeiten; dazu kommt stundenweise Inanspruchnahme von Rechtsanwalt, Dolmetscher und Supervisor sowie die Bezahlung der Gastfamilien. Ob diese nach deutschen Sätzen entlohnt werden, wie bei manchen Anbietern von Erlebnispädagogik üblich, will Zieglers Stellvertreter nicht sagen.
Deutsche Behörden lassen sich auf solche Kalkulationen ein, weil sie bei den höchst problematischen Jugendlichen meist keine andere Möglichkeit mehr sehen. Nach Angaben des Bundesverbandes Erlebnispädagogik ist die Nachfrage nach Betreuungsplätzen derzeit weit größer als das Angebot.
Wie riskant Auslandsfahrten sein können, zeigt ein Beispiel aus der Vergangenheit.
Vor einem Jahr streckte ein 14-Jähriger in Griechenland seinen Betreuer mit einem Bolzenschussgerät nieder, als dieser einen Reifen wechselte – trauriger Höhepunkt einer Reihe schwerer Vorkommnisse.
Jugendliche haben im Ausland auch schon geklaut, sich geprügelt, und in einem schweren Fall wurde eine Vergewaltigung gemeldet. Im Ausland sorgten derartige Vorfälle bereits für Verstimmung über die deutschen Problemkinder.
„Regelmäßig“ müssten die konsularischen Vertretungen tätig werden, teilt das Auswärtige Amt mit, das nun auch mit der Suche nach André beauftragt ist. Gegner kritisieren, dass Deutschland seine schwierigsten Fälle ins Ausland exportiert.
"Abhauen kommt vor"
Im Bundesverband für Erlebnispädagogik zeigt man daher im Fall André Problembewusstsein . „Das ist eine Katastrophe für uns“, sagt Gerd Lichtenberger, im Vorstand zuständig für die Auslandsfahrten und selbst Anbieter von Betreuungsmaßnahmen in Kirgisien.
Nach ersten Erkenntnissen sei Ziegler, der dem Verband angehört, fachlich nichts vorzuwerfen. „Dass Jugendliche abhauen, kommt immer wieder vor“, sagt Lichtenberger. Meist würden sie aber nach wenigen Tagen zurückkehren. Ziegler gelte als sehr erfahren, und auch der Leiter eines Kinderheims in Heidenheim, das immer wieder Jugendliche mit Zieglers Firma nach Kirgisien geschickt hat, bescheinigt ihm gute Arbeit.
Für das Krisenmanagement werde sich Ziegler aber vor der Schiedsstelle des Verbandes verantworten müssen. Dem Bundesverband habe er das Verschwinden des Jungen erst nach drei Wochen gemeldet, dem Landschaftsverband sogar erst am 18. März, heißt es dort. Ziegler sagt, er habe das Verschwinden schon nach einer Woche dem Landschaftsverband mitgeteilt.
Der Bundesverband Erlebnispädagogik bemüht sich seit Jahren um mehr Transparenz. Etwa 60 Anbieter von Auslandsmaßnahmen sind in der Organisation Mitglied. Sie haben sich auf Qualitätsstandards verständigt und melden jeden betreuten Jugendlichen.
Zweimal so viele, schätzt Lichtenberger, arbeiten aber außerhalb der Verbandes. Von denen wisse niemand, inwieweit sie auf Standards achten und wohin sie ihre Jugendlichen schicken. „Wir brauchen mehr Kontrolle“, sagt Lichtenberger. Er bestätigt damit die Position des Bundesfamilienministeriums, das die Fahrten ins Ausland nur noch „im Ausnahmefall“ zulassen will. Über eine entsprechende Gesetzesänderung wird derzeit in Berlin beraten.
CSU will Auslandsfahrten stoppen
Manchen Kritikern geht das nicht weit genug. Das CSU-regierte Bayern will die Fahrten ins Ausland ganz stoppen. „Wir wollen keine Erlebnispädagogik unter Palmen, weil sie fachlich nicht überprüfbar und notwendig ist“, so der Wortlaut einer Bundesratsinitiative.
Dem widersprechen Sozialarbeiter mit praktischer Erfahrung: „Mehr als die Hälfte der Jugendlichen kann mit solchen Maßnahmen geholfen werden“, sagt Robert Sauter, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter. Selbst bei den Richtern weicht allmählich die Skepsis.
Lange herrschte dort die Meinung vor, dass neben der Pädagogik auch Strafe nötig sei. Doch auch hier haben die Erfahrungen zu einem Umdenken geführt: „Erlebnispädagogik ist erfolgreicher als Arreste oder Strafvollzug“, sagt Bernd-Rüdeger Sonnen, Vorsitzender der Vereinigung für Jugendgerichte.
„Der Fall André darf nicht zu einem Ende der Erlebnispädagogik führen“, warnt er und plädiert stattdessen für einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Auslandsfahrten. Für André kommen diese Appelle wohl zu spät.
(SZ vom 1.4.2005) |