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Leserbriefe Zu Ihrem Artikel im Spiegel vom 30.10.2006
Da muss man die Notbremse ziehen Sehr geehrter Herr Wensierski!
Bremen, 27.11.06 Sie sind nicht der erste, der grobe Missstände, diesmal einiger Jugendhilfeprojekte im Ausland aufzeigt.
Ich hoffe sehr, dass in den genannten Fällen in Rumänien alles getan wird, um den Kindern und Jugendlichen
ernsthaft gerecht zu werden. Ich kann nicht wie Sie ein Urteil über diverse Auslandprojekte fällen, doch möchte
ich mich als Mutter meines 17-jährigen Sohnes, der seit zehn Monaten in Kirgisien
lebt für das Projekt „Pilger“ aussprechen. Kurz zur komplexen Situation: Mit 13 Jahren hat unser Sohn mit dem Rauchen,
Alkoholtrinken und Haschen begonnen und sich zunehmend unserer Kontrolle entzogen. Der Negativ-Kreislauf der
Suchterkrankung ist bekannt: Schule schwänzen, Langeweile haben, Drogen konsumieren, wenn das Geld dafür nicht da ist,
stehlen und auch straffällig werden. Wir haben uns sehr um Hilfe bemüht und über die Jahre verschiedene Beratungen
aufgesucht, vom schulpsychologischen Dienst über Erziehungsberatungsstelle, das Jugendamt, den Familienkrisendienst,
Kinder- und Jugendtherapeut. Das Suchtverhalten unseres Sohnes nahm zu. Da wir beide berufstätig sind und noch ein
jüngeres Kind haben, kamen wir an unsere Grenzen. Die entfernt wohnenden Großeltern boten sich an, in der Hoffnung,
dass ein Ortswechsel, verbunden mit der Änderung des Freundeskreises hilfreich ist, die Krise zu bewältigen. Die Situation
spitzte sich zu mit Drogenkonsum und Schulverweigerung. Weitere Etappen waren die
Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung, der Aufenthalt in Entzugs- und Therapieeinrichtungen
(„Teen Spirit Island“, Hannover und „Come In“, Hamburg). Der Junge hat nichts davon durchgehalten und ist zig Male getürmt.
Zuletzt lebte er auf der Straße und zwei Wochen im Jugendarrest. Von dort aus wurde ihm vom Jugendamt das
Auslandsprojekt „Pilger“ in Kirgisien angeboten, dem er zustimmte. Natürlich haben wir uns als Eltern darüber informiert
(über zahlreiche Gespräche mit Herrn Ziegler und Herrn Friedrich vom Jugendamt, der selbst vor Ort war, Bilder zeigte und von
seinen positiven Eindrücken berichtete sowie übers Internet). Wir zählen uns nicht zu den Eltern, die kein Interesse an ihrem
Kind haben oder keine Möglichkeiten hätten ihn zu unterstützen. Doch über die Jahre hatten diese Situationen soviel Destruktives,
vor allem gegenüber unserem Sohn, der mit allen Mitteln und Unvernunft sein junges Leben sehr schädigte. Dank der
Einzelbetreuung in Kirgisien seit Januar 2006 konnten verschiedene, pädagogisch wertvolle Etappen gewährleistet werden:
über das „Überleben“ in den Bergen bei hohen Minusgraden über Selbsterfahrungen in lebenspraktischen Bereichen wie z.B.
Hütte bauen, kochen, die russische Sprache erlernen. Seit September 2006 besucht unser Sohn die Berufsschule und lernt „Koch“.
Die Ausbildung dauert drei Jahre und dient sicher der Stabilisierung und Resozialisierung unseres Sohnes. Wir werden ihn im
Sommer 2007 in Kirgisien besuchen und uns selbst ein Bild machen. In Deutschland gab es bereits vor einem Jahr keine
Möglichkeit für unseren Sohn mit seinem Hauptschulabschluss eine Arbeit zu beginnen, zumal die Suchtproblematik vorrangig war.
Wir sind mit unserem Sohn in regelmäßigem Brief- und Telefonkontakt und erhalten monatlich einen Bericht mit Fotos über den
Projektleiter Herr Ziegler. Unser Sohn bejaht das Projekt vollkommen, d.h. er macht mit und gibt sich Mühe, den Anforderungen
gerecht zu werden. Die Fortsetzung der Maßnahme über seine Volljährigkeit hinaus hat er beantragt. Ein Erfahrungsaustausch der
Eltern untereinander ist beim Projekt „Pilger“ gewährleistet. Es kann keine Rede von mangelnder Kontrolle sein, selbst wenn diese
nicht immer in persönlicher Präsenz besteht. Wie in anderen Bereichen auch (z.B. Kindergarten, Schule) gehört auch eine Portion
Vertrauen in die Arbeit der Menschen dazu Ich freue mich über die engagierte, qualifizierte und professionelle Arbeit von Herrn
Ziegler und seiner Mitarbeiter, denen ich persönlich sehr dankbar bin. Mir als direkt Betroffene ist wichtig, dass Menschen und
Einrichtungen, die besondere und gute Arbeit leisten nicht plakativ über einen Kamm geschoren werden mit konkreten menschlichen
Missbräuchen und Missständen, die es auch gibt. Ich wünsche mir eine differenzierte Berichterstattung und Ihnen persönlich den
direkten Kontakt zu den Arbeitsbereichen, die Sie beschreiben. Mit freundlichen Grüßen A... G...- K...