Sächsische Zeitung

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Ein Zuhause auf Zeit

In den kirgisischen Bergen lernen schwierige Kinder aus Deutschland, ihr Leben zu organisieren – auch Martin, der aus der Nähe von Leipzig kommt.

Von Cornelia Riedel

Die Kolpakows im kirgisischen Bischkek könnten eine ganz normale Familie sein. Mit ihren Kindern und dem Hund wohnen sie in einem Außenbezirk der Hauptstadt des zentralasiatischen Landes. Das Plumpsklo ist über den Hof, und zum Kaffee gibt es Piroschki, die russischen Teigtaschen. Doch der 13-jährige Martin*, der seit Dezember bei der Familie lebt, kommt aus einem kleinen sächsischen Ort in der Nähe von Leipzig. Er ist eines von 14deutschen Kindern, die in Zentralasien, 5000 Kilometer weg von zu Hause, im Jugendhilfe-Projekt „Pilger“ sozialpädagogisch betreut werden.

Jugendämter unterstützen

Martins Russisch ist manchmal noch stockend: „Da – Ja“, sagt der Teenager, als seine Gastmutter ihn auf Deutsch bittet, den Tisch abzuräumen. „Wenn ich von hier weg bin, kauf ich mir erstmal Zigaretten“, sagt der Jugendliche. Rauchen darf er wegen seines Alters hier nicht. Wie viele der „Pilger-Kinder“ kommt er aus schwierigen familiären Verhältnissen.

Mit „Erlebnispädagogik“ auf Mittelmeerinseln haben deutsche Träger von Jugendarbeit in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Etwa die Hälfte der über 600Jugendämter in Deutschland unterstützt intensiv-pädagogische Maßnahmen im Ausland. Kirgisien ist das einzige Land in Zentralasien, das deutsche Kinder aufnimmt, sagt Marc Kinert vom Bundesfamilienministerium.

„Martin ist hier, um russische Spezialitäten kochen zu lernen“, scherzt Gastmutter Olga Toktosunowa. Die ausgebildete Psychologin ist Deutschlehrerin an einer Bischkeker Universität und hat mit ihrem Mann Sascha Kolpakow und den zwei leiblichen Söhnen schon zum zweiten Mal ein deutsches Kind bei sich aufgenommen.

Ein Schwein zur Belohnung

„Mir macht es Spaß, obwohl es viele unserer Freunde komisch finden, dass wir uns mit schwierigen deutschen Kindern befassen. Und dass wir dafür Geld bekommen, ist kein Geheimnis“, erzählt sie. Viel Wert würden sie auf die Gesundheit ihres Schützlings legen: Jeden früh stehen Jogging und Morgengymnastik mit dem Ziehvater und ausgebildeten Sportlehrer Sascha auf dem Programm. Dreimal in der Woche gehen die beiden ins Schwimmbad.

An der Wand auf einem Plan im Haus der Kolpakows hängen rote und grüne Männchen. „So kennzeichnen wir gutes und schlechtes Verhalten“, erklärt Oleg Ladygin, der stellvertretende Projektleiter von „Pilger“. Er besucht die Betreuungsfamilie regelmäßig und berät sie bei der Erziehung von Martin. Inzwischen kümmert sich der Junge um seine Haustiere, vier Kaninchen und ein Hausschwein. „Das Schwein haben wir ihm geschenkt, weil er im ersten halben Jahr genügend grüne Männchen gesammelt hat“, erzählt seine Gastmutter.

Seit 1995 betreibt Wladimir Ziegler das Projekt „Pilger“. Der 47-Jährige ist Deutschstämmiger aus Sibirien, in Kirgisistan aufgewachsen und ausgebildet als Musiklehrer und Bergsteig-Trainer. 1993 kam er als Spätaussiedler nach Deutschland. Alle 35Mitarbeiter von „Pilger“ haben eine psychologische Ausbildung. Zwölf bis 21 Jahre alt sind die deutschen Kinder und Jugendlichen, die im fernen Kirgisistan ihr Zuhause auf Zeit finden.

Im Büro der Organisation in Bischkek gibt es klare Regeln: „Wyklutschaitje swet – das Licht ausschalten“ steht auf Deutsch und Russisch an der Toilettentür. „Wir betreuen Kinder, die in Deutschland nicht die Möglichkeit hatten, in der eigenen Familie mit ausreichender Unterstützung und Förderung aufzuwachsen“, erzählt der Psychologe und Berater des Projektes, Alexander Jeremejew. „Sie kennen keine Grenzen und sind es gewöhnt, zu machen, was sie wollen. Wir möchten ihnen beibringen, andere Menschen zu respektieren. Das erreichen wir unter anderem durch einen sehr strukturierten Tagesablauf.“

Bei Martin stehen im Hausunterricht unter anderem Deutsch, Russisch, Mathematik und Chemie auf dem Stundenplan. Mit seinem kirgisischen Freund, dem 14-jährigen Dennis, spricht er Russisch. „Wir spielen Schiffeversenken, gucken Fernsehen und deutsche Bücher an, sind draußen auf der Straße, und manchmal gehen wir angeln“, erzählt Martin von seiner Freizeit in Zentralasien. Mit dem Gastvater schnitzt er Kerzenhalter und Schachfiguren. „Wir wollen, dass Martin weiter nach deutschen Plänen lernt“, sagt Olga Toktosunowa.

„Viele stark verhaltensauffällige Kinder haben in Deutschland nur die Wahl zwischen Knast, Psychiatrie und dem Auslandsprojekt. Für uns ist es wichtig, dass sie sich freiwillig dafür entscheiden, zu uns zu kommen“, erzählt Oleg Ladygin. Seine Eltern hat Martin seit über einem Dreivierteljahr nicht mehr gesehen. Zum Geburtstag wartete er vergeblich auf einen Anruf aus Deutschland. Mit der Familie wenigstens einmal pro Monat zu telefonieren, dazu müssen die kirgisischen Betreuer den Jungen inzwischen überreden.

„Ziel der im Ausland initiierten Projekte ist, den Jugendlichen zunächst eine räumliche Distanz zum gefährdenden und gleichzeitig reizvollen Herkunftsmilieu zu bieten“, sagt Marc Kinert vom Familienministerium in Berlin. So sollten neue Lernprozesse ermöglicht werden, um eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu bewirken. Die räumliche und kulturelle Distanz sei dabei wichtig. „Doch Projekte im Ausland können nur Teil des Hilfeprozesses für die Jugendlichen sein“, so Kinert.

Haben Kind, Eltern und das deutsche Jugendamt sich für die Betreuung im Ausland entschieden, fliegen Ziegler oder Ladygin mit ihrem kleinen Kirgisen auf Zeit von Deutschland ins Gastland.

Krisenintervention im Gebirge

Mehr als alle anderen Staaten der Region hatte Kirgisistan seit dem Zerfall der Sowjetunion mit Regierungsumstürzen und wirtschaftlicher Unsicherheit zu kämpfen. Das Durchschnittseinkommen in der ehemaligen Kirgisischen Sowjetrepublik liegt nach offiziellen Angaben immer noch bei 80 Euro im Monat. Viele Familien halten sich mit Handeln auf dem Basar und mit Landwirtschaft über Wasser.

Dieser drastische Umgebungswechsel bringt viele der Kinder, die Erfahrungen mit Kriminalität, Drogen und Gewalt haben, erst zur Besinnung. Für einige der deutschen Problemkinder beginnt der Aufenthalt in Zentralasien mit einer mehrwöchigen Krisenintervention in den Ausläufern des Tienschan-Gebirges. „Die meisten sind psychisch instabil, sie kommen in den Bergen erst einmal zur Ruhe und lernen, sich auf die wesentlichen Dinge des täglichen Lebens zu konzentrieren: Das sind Essenkochen, Wäschewaschen, die Kommunikation mit dem Betreuer“, erzählt Ziegler. „In den Bergen haben sie keine Wahl, sie müssen sich anpassen. Betreuer und Jugendliche kommen sich so näher und kooperieren.“ Dass manche der Erzieher fast kein Deutsch sprechen, sei der Situation eher zuträglich. „Erste Priorität sind Essen und Unterkunft, das Vertrauen zur Kommunikation ist sowieso noch nicht da und kommt erst später“, so Ziegler.

Erstmals Erfolgserlebnisse

Bevor die Gastfamilien in Kirgisistan ein deutsches Kind aufnehmen können, bekommen sie ein Training von „Pilger e. V.“. Auch die Kolpokows sind auf ihren Gast vorbereitet worden. „Uns hat es geholfen, unser Familienleben zu strukturieren. Früher hatten wir eine eher traditionell zentralasiatische Arbeitsteilung in der Familie, und ich habe im Haushalt fast alles allein gemacht“, sagt Gastmutter Olga, „jetzt hilft jeder mit!“

Drei Monate bis ein Jahr und länger verbringen die Jugendlichen in Kirgisistan, manche schließen sogar eine berufliche Ausbildung ab. Es gibt einen Judomeister, ein anderer hat das Schlagzeugspielen gelernt, einer ist Elektriker geworden. Obwohl die kirgisische Ausbildung in Deutschland nur nach einer weiteren Prüfung anerkannt wird, soll das Lernen im Ausland die soziale Kompetenz der Schüler erweitern.

„Bei uns haben viele zum ersten Mal in ihrem Leben Erfolgserlebnisse und positive Erfahrungen gemacht“, erzählt Ladygin. Das stärke das Selbstvertrauen. „Von Versagern zu Menschen mit Hoffnung“ sollen sich die Jugendlichen in Kirgisistan entwickeln.

Die Qualität der kirgisischen Fachkräfte wird durch Mitarbeiter deutscher Jugendämter jedes Jahr überprüft. Vom Jugendamt Dresden werden seit 2004 keine Kinder mehr ins Ausland verschickt, denn dort ist man skeptisch: „Jugendhilfe sollte nicht in einem anderen Land angeboten werden“, meint Claus Lippmann, Leiter des städtischen Jugendamtes. „Kinder und Jugendliche müssen in dem Land weiterleben, in dem sie aufgewachsen sind. Die Ziele einer solchen Maßnahme sind nicht nachvollziehbar, ein Erfolg nicht belegbar und Konflikte im Falle eines Scheiterns ein internationales Problem“, so Lippmann.

Wann Martins Zeit in Kirgisistan endet und er zurück nach Sachsen geht, ist noch ungewiss. Doch auf jeden Fall wird er dann fließendes Russisch mit nach Hause nehmen.

*Name von der Redaktion geändert

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