Dmitrij Weinschelbaum, Hannover

 

Ein Mann auf seinem Platz

 Zuerst sollte man - zumindest in Kürze - das in Deutschland existierende System von Vormundschaft und Betreuung von schwer erziehbaren Kindern erwähnen. Eine zentrale Rolle spielen hier die Jugendämter. Die Jugendämter haben Erziehungsprozesse in Familien, Schulen und Kinderheimen zu beaufsichtigen.

Es existiert ein verzweigtes Netz von Kinderheimen, in denen ein Kind mit oder ohne Zustimmung seiner Eltern untergebracht werden kann. Wenn das Verhalten des Kindes sich normalisiert, kann es in die Familie zurückkehren oder aber weiter im Kinderheim bleiben, bis es 18 Jahre alt wird. Ab dann darf ein Jugendlicher ein selbständiges Leben führen.

Es gibt allerdings Jungen, die sich dem Leben in einem Kinderheim nicht anpassen können oder wollen. Gerade auf dieser Zielgruppe baut Wladimir Ziegler seine Arbeit auf. Auf solche Jugendlichen ist sein System der Intensivpädagogik, basierend auf der Arbeit außerhalb Deutschlands, ausgerichtet.

Für viele dieser Jugendlichen ist dies überhaupt die letzte Chance, sich auf ein normales Leben als Erwachsener vorzubereiten. Diejenigen von ihnen, die besonders vernünftig sind, stimmen aus diesem Grunde einer Ausreise aus Deutschland zu. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie anderenfalls entweder in eine geschlossene, gefängnisähnliche Sondereinrichtung oder in die Psychiatrie eingewiesen werden. Oder sie landen im Gefängnis. Nach deutschem Gesetz können Straftäter, die älter als 14 Jahre sind, inhaftiert werden.

Ich spreche mit Wladimir Ziegler im Arbeitszimmer seines Eigenheims in Hüpede bei Pattensen.

- Wladimir, in erster Linier interessiert mich die Frage, wie alles begann. 

- Ich kam 1993 von Kirgisien nach Deutschland , zusammen mit meiner Frau und drei Kindern. Damals war ich 33 Jahre alt. Bis dahin hatte ich eine pädagogische Fachschule im Fach „Gesanglehrer“ absolviert, arbeitete anschließend in einer Schule und machte eine Ausbildung als Trainer für Bergwanderungen und Bergsteigen.

In Deutschland wurde mein Diplom anerkannt, woraufhin ich den Versuch unternahm, eine Stelle als Lehrer zu bekommen. Allerdings wurde mir bald klar, dass ich mit meinen Deutschkenntnissen nicht in einer Schule arbeiten kann. So rief ich eines Tages das erste im Telefonbuch gefundene Kinderheim an und bot dort meine Mitarbeit an. Ich wurde eingestellt. Ein halbes Jahr später wechselte ich zu einem anderen, größeren Kinderheim, hatte dort aber Konflikte mit dem Heimleiter aufgrund von Meinungsverschiedenheiten bezüglich der dort praktizierten Arbeitsmethoden. Ich musste gehen.

Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich über Projekte im Rahmen der individuellen Intensivpädagogik und verschaffte mir Adressen von zuständigen Behörden. So erhielt ich 1995 meinen ersten Betreuungsfall, den ich nach Kirgisien mitnahm. Der erste Versuch kam gut an, und zwei Jahre später machte ich mich zusammen mit zwei Jugendlichen mit dem PKW auf die Reise von Deutschland nach Kirgisien. Bald wurde mir aber klar, dass mein schlechtes Deutsch und das Fehlen eines deutschen Diploms meine Arbeit in Zukunft erschweren würden. So begann ich 1996 mit einem Abendstudium an einer pädagogischen Fachschule und ließ mich als Erzieher ausbilden. Drei Jahre später erhielt ich mein Diplom. Erst danach konnte das Projekt PILGER Realität werden. 

-  Worin besteht Ihre Methodik?

Die wichtigste Aufgabe besteht darin, dem Jugendlichen den Glauben an sich selbst und seine eigenen Kräfte zu vermitteln. Er muss überzeugt sein, dass er später in der Lage sein wird, ein normales und vollwertiges Leben führen zu können. Er muss lernen, sich jedem Milieu, selbst einer völlig unbekannten Umgebung, anpassen zu können.

Die Wegreise von Deutschland bezweckt, den Menschen aus seiner gewohnten und komfortablen Umwelt herauszureißen. Ohne Einschränkung seiner persönlichen Freiheit wird er in Situationen gebracht, in denen er um sich selbst sorgen muss, einschließlich Ernährung, Kleidung und Freizeitgestaltung. Dabei unterhält der Jugendliche ständigen Kontakt zu seinem Betreuer, für den es sehr darauf ankommt, möglichst schnell ein Vertrauensverhältnis zu seinem Schützling aufzubauen.

Aus diesem Grunde beginnt der pädagogische Prozess mit der Schaffung von gewissermaßen extremen Lebensbedingungen für den Jugendlichen. In unserem Fall handelt es sich um eine Bergwanderung, die er zusammen mit seinem Betreuer unternimmt und die 10 bis 20 Tage dauern kann, wobei die Lebensmittel- und Wasservorräte streng rationiert sind.

Danach werden dem Jugendlichen verschiedene Arbeitsmöglichkeiten zur Wahl angeboten: Arbeit in mechanischen oder Kfz-Werkstätten, bei Bauern oder bei Tierzuchtbetrieben, etc. Viele besuchen später Schulen, Berufsschulen oder sonstige Bildungsstätten und machen ihren Führerschein. 

-  Und wie läuft es mit der Integration in eine örtliche, nichtdeutsche Umgebung?

In der Regel ohne Schwierigkeiten. In diesem Alter ist dies auch ein natürlicher Prozess. Zumal sie in den Familien ihrer Betreuer leben. Zwei bis drei Monate später fangen sie an, Russisch zu sprechen. 

-  Für welchen Zeitraum ist Ihr Programm ausgelegt?

Der Aufenthalt in Kirgisien dauert mindestens ein Jahr, kann aber nach Wunsch des Jugendlichen um ein Jahr oder mehr verlängert werden. Nach der Rückkehr nach Deutschland setzen wir die Arbeit mit unseren Jungs fort und behalten sie im Auge, bis wir uns sicher sind, dass sie ihre Ausbildung fortsetzen oder eine Stelle gefunden haben. Ich hatte einen 14-Jährigen, den ich aus dem Gefängnis holte und nach Kirgisien brachte. Sehr bald hörte er mit Trinken und Rauchen auf, fing mit Judo an und qualifizierte sich sogar bis zur Meisterstufe. Er absolvierte das erste Bildungsjahr einer Berufsschule mit Auszeichnung. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland kam er in die neunte Klasse. Er sparte Geld, und als die Ferienzeit kam, fuhr er nach Kirgisien, um seinen Betreuer zu besuchen. Dort half er ihm, dessen Haus zu bauen, erhielt nebenbei Nachhilfe in Physik und Mathematik und machte seinen Führerschein. Zurzeit setzt er seine schulische Ausbildung in der zehnten Klasse fort. 

-  Wie ist ihre Organisation aufgebaut?

Wir haben ein Büro in Bischkek, wo mein Stellvertreter, eine Sekretärin, ein Dolmetscher und ein Jurist tätig sind. Außerdem beschäftigen wir einen Arzt für Psychotherapie und eine Gruppe von Betreuern mit pädagogischer Ausbildung. Ich selbst verbringe dort jeden Monat fast zwei Wochen. Zurzeit betreuen wir zwölf Jugendliche im Rahmen der Intensivpädagogik.

 -  Wer bezahlt Ihre Arbeit?

Unsere Organisation ist eine Privatfirma, wir arbeiten auf Vertragsbasis mit Jugendämtern zusammen.

 -  Was würden sie Eltern empfehlen, die Probleme mit der Erziehung ihrer Kinder haben?

Nicht verzweifeln. Ohne Zeit zu verlieren sollen sie sich an eine Organisationen wie die unsere oder an das Jugendamt wenden.

Wladimir Ziegler hat vielen Problemjugendlichen geholfen, ihren Platz im Leben zu finden. Dafür verdient er unseren großen Dank.